Dienstag, 14. Mai 2013

Marketing: Warum Tom Sawyer den Zaun gern streicht …

Tom Sawyer streicht den Zaun 
Oder: Warum Tom ein Marketing-Genie war ...
 - nacherzählt von Gudrun Anders
(c) twinlili  / pixelio.de

Samstagmorgen - die sommerliche Natur strahlt und Tom hatte ein fröhliches Lied auf den Lippen. Tante Polli hatte ihn dazu verdonnert, den Zaun zu streichen. Tom ging mit weißer Farbe und einem Pinsel auf und ab. Beim Anblick des Gartenzauns war plötzlich alle Fröhlichkeit verschwunden. Seufzend strich er lustlos über die Latten. Entmutigt von der Länge des Zauns betrachtete die schier endlos lange Fläche … 

Singend kam sein Kumpel Jim daher, der einen Blecheimer in der Hand hatte. Tom hasste das Wasserholen eigentlich, doch heute hätte er lieber Wasser geholt als den Zaun zu streichen, denn an der Pumpe war es immer lustig. Tom wollte für Jim das Wasser holen, wenn dieser solange den Zaun streicht. Doch Jim verneinte. Erst als Tom ihn mit einer Murmel lockt, willigte er beinahe ein. Toms ärgerte sich, denn er hatte viele Pläne für diesen Samstag gehabt, und bald würden die anderen Jungen ihn stattdessen arbeiten sehen. Er hatte schon ihr höhnisches Gelächter im Ohr. Plötzlich hatte er eine fabelhafte Idee!

So strich er seelenruhig den Zaun, als kurz darauf Ben Rogers erschien, vor dessen Spott er sich am meisten fürchtete. Ben aß einen Apfel und machte einen Mississippi-Dampfer nach. Tom strich den Zaun und tat so, als würde er das Spiel nicht bemerken.

Ben hänselte ihn, aber Tom gab keine Antwort. Stattdessen betrachtete er sein Werk, als wäre es das größte Kunstwerk aller Zeiten und vertiefte sich scheinbar wieder in sein Werk. Ben versuchte es noch einmal und fast erschrocken blickte Tom auf und gab an, ihn fast nicht bemerkt zu haben.

Ben hänselte Tom wieder, ob er nicht mit Schwimmen wollte, aber Tom stieg darauf gar nicht ein und behauptete, er würde die Sache aus Spaß machen. Das wollte Ben ihm zunächst nicht abkaufen, aber Tom blieb bei seinem Schauspiel. So selten hätte man die Chance, einen ganzen Zaun alleine anstreichen zu dürfen, behauptete er dreist. Und schon sah die Sache ganz anders aus.

Tom malte elegant weiter, verbesserte hier und da eine Kleinigkeit, und Ben ließ ihn nicht aus den Augen. Die Sache wurde immer interessanter für ihn und schließlich fragte er, ob er auch einmal streichen dürfte. Aber Tom verneinte unter Hinweis auf seine Tante, die es sauber und ordentlich haben wollte.

Ben quengelte, dass er auch einmal streichen dürfte, aber Tom zierte sich. Erst als Ben ihm den Apfel dafür anbot, gab Tom ihm widerstrebend den Pinsel. Innerlich aber frohlockte er, ließ sich aber nichts anmerken. Der alte Dampfschiffer Ben arbeitete dann hart in der Mittagssonne, während Tom im Schatten genüsslich den Apfel aß. 

Im Laufe des Nachmittags kamen noch weitere Jungs vorbei, die Tom erst spotteten, um dann allerdings selbst zu streichen. Am frühen Abend war Tom steinreich. Er hatte Schätze wie eine tote Ratte, zwölf Murmeln, eine blaue Glasscherbe und vieles andere. Aber das Wichtigste war: Die ganze Zeit über hatte er gemütlich im Schatten gesessen und sich köstlich amüsiert. Eine dreifache Farbschicht zierte den Zaun. Wäre die Farbe nicht ausgegangen, wäre Tom wahrscheinlich noch vermögender geworden.

Tom Sawyer hatte entdeckt, dass man, wenn man eine Sache als unerreichbar hinstellt, andere dazu bringt, sie haben bzw. tun zu wollen. Eine Arbeit ist eben nur dann lästig, wenn man sie tun muss. Macht man sie freiwillig oder muss man etwas dafür bezahlen ­– dann macht sie plötzlich Spaß. 

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