Der Engel im Glas


Bild: Pixabay
Eine weihnachtliche Kurzgeschichte von Gudrun Anders
 
Gestern war ich erstmals bei einer Bekannten zu Besuch. Ich sah mich ein wenig in ihrer modern gestalteten Wohnung um und bewunderte einen kleinen Beistelltisch, der weihnachtlich geschmückt war. 

Mir fiel ein Teelicht in der Mitte des Tisches auf, das auf einem verzierten Holzbrett in ein großes Glas eingelassen war. Im Glas sah ich kleine Tannenzweigchen und etwas Weißes, das ich von Weitem nicht so genau identifizieren konnte. Ich ging ein Stückchen näher und ein wenig um das Tischchen herum. Erst dann konnte ich erkennen, dass ein kleiner, freundlich lächelnder Engel inmitten der Tannenzweige und einem kleinen Goldkettchen stand.

Spontan entfleuchte es mir: „Ach, der ist aber süß!“ Meine Bekannte verzog kein Gesicht und goss uns derweil einen Tee ein. Ich besah mir noch immer das kleine Engelchen. „Aber so eingesperrt … -  ob der Engel sich da wohl fühlt?“ Das war mehr als Witz gemeint, sie lachte aber nicht. Irgendwas war im Busch …

Statt einer Antwort sagte sie – ganz der Coach, der sie war: „Naja, aber das Glas ist ja auch ein Schutz für das zarte Wesen. So hat das Engelchen einen Rückzugspunkt.“

Hm, dachte ich, das stimmte natürlich auch. Schön eingebettet in ein natürliches Umfeld, vergleichbar mit der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus, in dem es sicher war, da konnte man sich sicher gut zurückziehen. „Aber der Engel sieht doch nach draußen. Sieht das Gute und natürlich auch das Schlechte. Und der kommt da nicht raus. Keine Tür im Glas. Der liebe Gott muss da erst mal das Teelicht entfernen, bevor der Engel fliegen kann.“ Ich sah es immer noch als intellektuelles Spielchen an, das unsere Kreativität hervorrief.

Meine Bekannte hatte sich inzwischen gesetzt, bedeutete mir es ihr gleich zu tun und besah sich dann auch wieder das Teelicht, in dem der Engel, der noch immer lächelte, gefangen war. „Der kann sich doch wunderbar jetzt über die Weihnachtstage in seinem Häuschen entspannen. Gut gelaunt tun, was ihm gefällt … Mit der Natur im Einklang und aus der Distanz heraus neue Pläne schmieden oder auch zu neuen Ideen kommen. ….“ Ihr Gesicht sah sehr nachdenklich aus.

Ich ging auf das Spielchen ein. „Mein Engel würde klaustrophobisch werden, auch wenn man das den Engeln ja normalerweise nicht nachsagt. So eingesperrt und abhängig von einem Gott, der vielleicht auch Weihnachtsferien macht und nicht da ist. … Ich finde, der Engel gibt da seine Macht komplett auf. Er kann doch gar nichts mehr tun …“

Meine Bekannte verzog ein wenig das Gesicht. Würde man sehen können, wie es im Kopf arbeitet, dann wäre jetzt gerade eine Phase der Hochkonjunktur bei ihr gewesen. „Nicht schön, oder?“, meinte sie und jetzt entstand ein zaghaftes Grinsen auf ihrem Gesicht.

„Für mich nicht“, antwortete ich ihr. „Engel müssen fliegen und Gutes tun. Vor allem zur Weihnachtszeit!“

Sie stand so schnell auf, dass ihr Stuhl umflog und mit einem lauten Knall zu Boden fiel. Schnurstracks ging sie zu dem kleinen Beistelltischchen, nahm den Engel aus dem Glas und stellte ihn auf ein weihnachtlich geschmücktes Tablett mit Äpfeln, Tannenzweigen, Clementinen und Walnüssen. Dann nahm sie einen Apfel und packte ihn ins Glas. „So, jetzt kann er wieder tun, wozu er auf dieser Welt ist!“, rief sie aus und freute sich wie ein kleines Kind. 

Möge der Engel zu dir, lieber Leser, liebe Leserin fliegen und dir zu Weihnachten eine wunderschöne Zeit bescheren!

Eure
Gudrun Anders